Ich steige in die U-Bahn. Wie jeden Morgen im Bahnhof Nervenklinik. Dabei bringt mich die Bahn doch erst genau da hin. Schon etwas wirr, wenn Start und Ziel den gleichen Namen haben. Wobei ich das Ziel lediglich Nervenklinik nenne. Der Start ist es in der Tat. Das vertreibt die Verwirrungen.Montags ist es im Berliner Nahverkehr immer besonders voll. Sowohl die Straßen, als auch die Bahnen. Busse vielleicht auch. Aber mit Bussen fahre ich nicht. Jedenfalls nicht, wenn ich es vermeiden kann. Und auf meinem Arbeitsweg kann ich es vermeiden. Nicht vermeiden kann ich leider die anderen Menschen in der Bahn. Manchmal würde ich mir das aber doch wünschen. Heute zum Beispiel.

Neben mir sitzt eine 45 jährige Frau. Vielleicht auch 40. Dann aber Mutter von mindestens zwei Kindern. Sie hat ein Taschenbuch dabei. Irgendein schwarzes Taschenbuch, bei dem der Verlags-Vertrieb sich genötigt fühlte einen ‚Bestseller’-Aufkleber auf das Cover zu kleben. Für mich sind diese Aufkleber ja schon aus Prinzip ein ‚No-Buy!’ Zeichen. Für meine Sitznachbarin offenbar nicht. Dafür hat sie das Buch in einem Gefrierbeutel transportiert. Vielleicht damit das wertvolle Cover nicht zerkratzt. Vielleicht möchte sie das Buch später noch bei ebay versteigern. Was weiß ich denn. Noch während sie das Buch aus dem Gefrierbrand-Schutz herausfrickelt, greift sie plötzlich hektisch in ihre Handtasche und holt eine Packung ‚SPURT’-Taschentücher heraus. Gerade rechtzeitig holt sie ein Taschentuch hervor. Das Entfalten schafft sie nicht mehr. Es folgt ein herzhaftes und sehr saftiges Niesen. Das schmale Taschentuch verhindert eine größere Sauerei.

Ich drehe mich profilaktisch in die andere Richtung und halte schützend eine Hand vor Mund und Nase. Aber unauffällig. Auf der anderen Seite sitzt eine junge Frau, die mit atemberaubender Geschwindigkeit ihren Daumen über ihrem Handy kreisen lässt. Ich schätze, sie schreibt SMSs. Aber vielleicht macht sie auch nur eine Bewegungstherapie. Es vergehen drei Sekunden (und schätzungsweise 20 Wörter) bis sie niest. Ich kann erst gar nicht begreifen, was da vor sich geht, bis mir klar wird: Sie niest nach innen. Das passiert wohl immer dann, wenn jemand versucht einen gewaltigen Nieser zu unterdrücken. Dabei weiß doch jeder, dass das nicht geht. Das ist eine Naturgewalt, die raus muss. So wie der erste Furz am Morgen. Die Frau versuchte es dennoch. Das Geräusch ist dem Schuss einer Pistole mit Schalldämpfer sehr ähnlich. Noch während des Geräuschs ruckt die ganze Frau einen Zentimeter nach hinten und prallt gegen die Sitzlehne. Die Anspannung, mit der sie ihren Körper an weiteren unkontrollierten Bewegungen hindern will, lässt ihr Gesicht rot anlaufen. Mit hochrotem Kopf friemelt sie ein Taschentuch aus ihrer Jacke und stellt einen neuen Weltrekord im Leiseschnauben auf.

Ich schaue nun schnurstracks geradeaus. Die Hand noch immer unauffällig vor Nase und Mund. Mir gegenüber sitzt ein Mann ohne Haare und in grüner Bomberjacke mit der Aufschrift ‚US-Marine-Korps’. Er macht auf mich den Eindruck, als wenn ihm auch nicht aufgefallen wäre, wenn ein ‚ga’ in ‚Marine’ gewesen wäre. Warum kann ich gar nicht genau sagen. Er wirkt einfach so. Vielleicht liegt es daran, dass ich unsinnige Aufschriften auf Kleidungsstücken ablehne.

Seine Haare wirken eher ausgefallen, als rasiert. Insofern werfe ich ihm die Bomberjacke auch nicht vor. Noch während ich darüber nachdenke, ob es nicht schmerzt, mit derart breit gespreizten Beinen da zu sitzen, erfüllt ein lautes Niesen den Zug. Ein Fiepen legt sich auf meine Ohren und durch meinen verschwommenen Blick sehe ich den Kerl mit der Bomberjacke schmatzend in ein gelbes Stofftaschentuch schnäuzen. Ich hoffe inständig, dass der Stoff schon immer gelb war.

Ich stehe auf und stelle mich neben die Tür. Vis-à-vis steht ein junger Türke. Ok, Südeuropäer, vermutlich Türke. Meinetwegen auch ein Migrationshintergründiger. Geschätzte 13 Jahre alt. Er wirkt kränklich. Und er schaut mich böse an. Wahrscheinlich habe ich zuerst böse geguckt. Während er mir in die Augen starrt, zieht er betont langsam den Inhalt seiner Nase erfolgreich hoch. Es folgt eine Schluckbewegung seines Adamapfels. Angewidert versuche ich mir einzureden, dass er gerade kein Kilogramm Rotze heruntergeschluckt hat. Andererseits bin ich auch verdammt froh, dass er es mir nicht vor die Füße gespuckt hat.

Verzweifelt drehe ich den Ipod lauter und halte die Luft bis zur nächsten Haltestelle an. Sind ja nur zwei Minuten. Das kann ja nicht so schwer sein. Perlentaucher müsste man sein. Die können richtig lange die Luft anhalten.

Das wäre an einem Montag in der Berliner U-Bahn durchaus von Vorteil.