Es ist Montag und ich habe Kopfschmerzen. Und ich bin spät dran. Meine morgendliche Zwangs-U-Bahnfahrt beginnt wie so häufig an der Nervenklinik. Mit dem Glück der späten Bahn erhasche ich einen Sitzplatz und nehme meine aktuelle Untergrundlektüre aus dem Rucksack.

Am U-Bahnhof Pankstraße setzt sich ein alter Mann neben mich. Er guckt maulig und war bestimmt im Krieg. Er hat diesen Blick. Diesen Blick der alten Herrschaften, die mir einimpfen wollen, was sie seinzeit alles für unser Land geleistet haben. Diesen Blick, der vorwurfsvoll bohrend kritisiert, was meine Generation daraus gemacht hat. Aus all ihren Leistungen.

U-Bahnhof Voltastraße. Schon bei der Einfahrt des Zuges ahne ich Schlimmes. Es sind Stimmen zu hören. Kinderstimmen. Viel mehr Kinderstimmen, als ich an einem Montagmorgen mit Kopfweh ertragen kann. Natürlich hält der Wagen in dem ich sitze genau vor der Kinderschar. Die Türen öffnen sich und es strömen gefühlte 200 Erstklässler in den Zug. Die Sitzbank gegenüber ist leer und wird zwangsläufig von zwei der Eindringlingen okkupiert. Der maulige Held neben mir schaut auf. Neben der Bank ist ein Junge übrig geblieben. Er will nicht stehen und fordert seine Kameraden – im Übrigen alle drei mit Migrationshintergrund – auf, Platz zu machen. Diese denken jedoch nicht daran. Es passiert, was passieren muss. Es wird lauter. Es wird gekabbelt. Es fallen ein paar Wörter, die Mami und Papi so nicht zu Hause hören wollen. Aber alles im U-Bahnverträglichen Rahmen. Der Alte neben mir schaut auf. Na klar. Drei kleine Türken und der maulige Mann. Das geht doch schief. Der Alte holt jetzt Luft. Ich mache mich innerlich bereit, für einen drohenden Blick. Mindestens. Der Maulige fasst dem dem immer noch stehenden Kind an die Schulter, ich klappe mein Buch zu. Er sagt: “Ey nu mach da ma keenen Stress! Hia sez da hinn!”, steht gleichzeitig auf und drückt den Kleinen dabei auf seinen freigewordenen Platz. Und das alles mit der liebsten Lieblingsopastimme der Welt. Es folgt ein Augenzwinkern und er stellt sich ohne ein weiteres Wort, einfach so, neben die Tür.

Ich bin baff. Und irgendwie … irgendwie glücklich.

Für einen Moment liebe ich mein Berlin