Wann waren Sie das letzte Mal schwedische Möbel einkaufen? Wenn Sie eine Frau sind und Kinder haben, ist das sicherlich noch nicht allzu lange her. Sie müssen mir verzeihen, aber ich schreibe natürlich aus der Sicht eines Ehemannes und Vaters von drei Kindern. Mir erscheinen diese Einkäufe im schwedischen Möbelhaus häufig in einem etwas anderen Licht. Es könnte daran liegen, dass unsere Kinder alle am gleichen Tag zur Welt gekommen sind (also Drillinge sind), es könnte aber auch einfach daran liegen, dass ich ein Mann bin.

Zu diesen Einkäufen gibt es in der Regel immer eine recht harmlose Vorgeschichte, die immer damit beginnt, dass meine Frau mit einem Zollstock bewaffnet in der Wohnung anfängt alle möglichen Nischen zu vermessen. Diese Maße werden dann mit denen der tollen Angebote im Möbel-Katalog verglichen. Spätestens an dieser Stelle, sollten bei Männern alle Alarm-Sirenen anfangen zu heulen. Sie haben nicht verstanden, wie ich das meine? Nun gut. Ich werde versuchen einen typischen Familien-Einkauf bei Ihrem schwedischen Lieblings-Möbel-Geschäft zu beschreiben und dann können Sie (je nach Geschlecht) selbst entscheiden, ob Sie mir folgen können (dann sind Sie wohl ein Mann), oder nicht (dann sind Sie wahrscheinlich eine Frau).

Es ist also wieder einmal so weit und wir fahren zum schwedischen Möbelhaus unserer Wahl. Das bedeutet erst einmal gute 45 Minuten Autofahrt. Schön, dass die Kinder so gerne Autofahren und froher Stimmung sind. Im Parkhaus angekommen wird dann der Kinderwagen ausgepackt. Unseren 1,06 Meter breiten Drillings-Kinderwagen haben wir vorsorglich zu Hause gelassen und stattdessen den Geschwisterwagen eingepackt. Wir wollen ja nicht zu sehr auffallen. Obwohl ich schon gespannt wäre, auf die potentielle Hilfsbereitschaft des Personals, wenn man irgendwo in einem solch familienfreundlichen Kaufhaus mit dem Kinderwagen nicht hindurch kommt. In unserem Geschwisterwagen können zwei Kindern hintereinander sitzen und eines oben auf dem Regenverdeck. Bei uns sitzen die beiden Jungs unten und meine Tochter oben drauf. So fühlen sie sich wohl und machen eigentlich auch längere Touren mit. Dummerweise können sie mittlerweile recht gut laufen und bestehen hier und dort auch darauf. Erstaunlicher Weise bleiben alle drei auch nach zehn Minuten noch ruhig im Wagen und bewundern die vielen Menschen um sie herum. Die vielen Menschen starren zurück und eine ältere Frau setzt zur unvermeidlichsten aller Fragen an: „Die sind aber auch nicht weit auseinander, oder?“ Als Drillingsvater habe ich mittlerweile wohl alle Fragemöglichkeiten dieser Art gehört und habe auf jede Frage mindestens drei Antworten parat. Eine freundliche, ein lustige und eine vernichtend pampige. Aber die Fahrt hierher hat gut geklappt und die Kinder sind ruhig, also entscheide ich mich für ein freundliches „Nö, zweieinhalb Minuten.“, was immerhin ein verdutztes Gesicht bei der älteren Dame hervorruft. Da die Kinder immer noch ruhig sind, steigt bei mir die frohe Erwartung, dass dieser Einkauf völlig anders wird. Welch trügerische Hoffnung. Bereits eine Minute später, noch bevor wir die Eingangstür passiert haben, besteht mein Sohn Martin darauf zu laufen. Ich beruhige ihn mit einem sanften „Nein.“ und vertröste ihn auf später. Allerdings mit bescheidenem Erfolg. Nur wenige Sekunden vergehen, bis er sehr lautstark darauf besteht, alleine zu laufen. Ich bescheide diese Forderung erneut negativ, woraufhin sich mein Sohn daran macht, alleine aus dem Kinderwagen zu klettern. Abgesehen von der Unverfrorenheit des Missachtens väterlicher Anordnungen, droht damit das Gleichgewicht des Kinderwagens in Gefahr zu geraten. Mit einer zackigen, geübten Handbewegung rette ich die Situation und Martin lernt unter dem bitterbösen, väterlichen Blick, dass der Anschnallmechanismus vom Kinderwagen noch funktioniert, zieht beleidigt einen Flunsch und schaut mich nicht mehr an.

Traditionell geht unser erster Weg im Möbelhaus nicht in die Verkaufsausstellung, sondern zum schwedischen Lebensmittelkiosk. Hier gibt es Kekse für alle. Es hat sich als praktisch erwiesen, beim Einkaufen immer genügend Kekse vorrätig zu haben. Martin schaut immer noch böse – nimmt aber dennoch gerne den einen oder anderen Keks. Die Investition in schwedisches Gebäck hat sich ausgezahlt und da wir genau wissen, was wir wollen, können wir uns direkt am “IchMöchteDiesenSchrankGerneMitnehmenUndJetztDruckMirSchonEndlich DiesenDummenZettel”-Schalter anstellen. Nachdem der Kerl vor uns endlich mit seinem Zettel von dannen gezogen ist, sind wir dran und mein erster Blick fällt auf das Dekolletee der Frau hinter dem Schalter. Nicht etwa wegen eines lohnenden Ausblicks, sondern weil da ein großes Schild prangt, auf dem fett „AZUBI“ steht. Meine Frau versucht ihr zu beschreiben, was sie möchte und das Azubi-Mädel tippt fleißig in den PC. Einige Minuten später tippt die Zetteldruckerin immer noch wilde Zeichenfolgen in den Rechner und ich fange an zu denken, dass das doch nicht so schwer sein kann. Die Kekse gehen zur Neige. Na macht ja nichts. Auf halbem Weg zur Kasse, kann man ja noch mal welche kaufen. Ich biete der Zetteldruckerin auch einen an, um positive Stimmung in diese verkorkste Beziehung zu bringen und sorge damit dafür, dass die Arme noch mal von vorne anfangen muss, weil sie sich vertippt hat. Von hinten schleicht sich währenddessen eine ältere Frau heran und fragt „Sind das etwa Drillinge?“. Ich beschließe, dass es jetzt an der Zeit für eine lustige Antwort sei und noch bevor ich etwas sagen kann, schiebt die ältere Dame ein „Wie geht denn SO was?“ hinterher. Tolle Vorlage. Mittlerweile schauen einige Miteinkäufer zu uns herüber und fangen an zu tuscheln. Ich streiche gedanklich die lustige Antwort, schaue ihr direkt in die Augen und verrate ihr „Wie das geht? Na, ganz einfach. Dreimal auf der Waschmaschine im Schleudergang bei Vollmond!“. Diese Antwort ist habe ich zwar bei einer befreundeten Drillingsmutter geklaut, aber sie verfehlt auch hier ihre Wirkung nicht und das Gespräch mit der älteren Dame ist beendet. Während ich mich umdrehe, stelle ich resignierend fest, dass die Zettel-Frau immer noch nach unserem Schrank sucht. Ich drohe sowohl meiner Frau, als auch der AZUBI mit dem Gang zum Baumarkt und dem Spanplattenkauf – das kann schließlich auch nicht mehr länger dauern. In diesem Moment schaut die Zetteldruckerin auf und verkündet, dass unser Schrank in der gewünschten Farbe gerade aus sei. Meine Frau sagt fast gleichzeitig, dass die Kekse jetzt alle seien. Einen Wimpernschlag später bekommen die Kinder mit, dass die Kekse zur Neige gegangen sind und die Zetteldruckerin stellt vorsorglich das “GESCHLOSSEN” Schild auf ihren Tisch und verduftet.

Wir machen uns rasant auf den Weg zum Keksneukauf. Ich entschuldige mich bei meinem Vormann mit dem schmerzenden Hacken. Was läuft er auch so trantütig. Und so stark kann ich ihn mit den Gummireifen vom Kinderwagen nun auch nicht wieder getroffen haben. Hinter der nächsten Biegung müssen wir eine kleine Zwangspause einlegen und ich repariere notdürftig die umgefahrene, weiß gebeizte Regal-Eck-Kombination. Ungefähr zeitgleich hat Martin den Entriegelungsmechanismus des Kinderwagens verstanden und macht einen erneuten Fluchtversuch. Mit schnellem Griff erhascht der geübte Papa seinen Sohnemann am Schlafittchen. Na ja – die Regal-Eck-Kombi war eh nicht mehr zu retten – denke ich noch, bevor sie durch das plötzliche loslassen meinerseits vollends in sich zusammenkracht. Dieser Unfall hat einen Verkäufer ohne „AZUBI“-Schild auf uns aufmerksam werden lassen. Während ich Söhnchen mittels seiner Schnürsenkel zusätzlich am Kinderwagen fixiere, um so für die nächsten Fluchtversuche zusätzliche Zeit zu gewinnen, fragt der Verkäufer ganz höflich, ob er uns irgendwie helfen könne und zeigt dabei unmissverständlich auf den Leistenhaufen, der mal ein Eckregal war. Ich erkenne die Chance und ordere bei ihm den Zettel für den Schrank, den wir eigentlich wollten. Der Verkäufer ist verwirrt und lässt sich überrumpeln. So kommen wir nun doch noch problemlos zu unserem Abholschein

Mittlerweile sind wir von der Möbelabteilung in den gefährlichen Bereich gekommen. Die Accessoires. Meine Frau schnappt sich eine von diesen praktischen Umhängetüten und verbringt die nächsten zwanzig Minuten damit, diverse brauchbare Kleinigkeiten in die Tüte zu verfrachten. Jetzt haben wir schon ungefähr eine Stunde hier verbracht und die Kinder sind nicht mehr zu halten. Es wird wohl für alle besser sein, sie aus dem Kinderwagen zu befreien. Vorher noch rasch wieder Martins Schnürsenkel vom Kinderwagen lösen. Jetzt kommt der gemütliche Teil des Einkaufes. Mit drei Kindern an den Händen und der „praktischen“ Umhängetüte im Kinderwagen durch die Gänge schieben und alle die Dinge in den Kinderwagen laden, die die Durchschnittsdrillingsfamilie so braucht. Als wenn das nicht schon genug Belastung für die männliche Psyche wäre, verkündet meine Frau urplötzlich: „Ach Du Schatz, ich habe noch was vergessen – bin gleich wieder da!“. Dieser Satz im schwedischen Möbelhaus zur besten Einkaufszeit mit drei Kindern, einer praktischen Umhängetüte und einem Kinderwagen mitten im Gang gesprochen, kann seine ganz eigene Dynamik entfalten. Während ich meiner Frau noch hinterher rufe, dass sie gefälligst hier bleiben soll, will Carola unbedingt zurück in den Kinderwagen. Ich beruhige sie mit einem „Das geht jetzt nicht, Maus“. Ich habe diesen Satz wirklich lieb gemeint und gesagt, doch ich komme danach nicht mal zum Luftholen. Carola schmeißt sich augenblicklich auf den Boden und schreit, als wenn ich sie an den Haaren hochgehoben hätte. Eine ältere Frau bleibt stehen und beäugt erst Carola und dann mich. Christopher deutet an, dass er jetzt gerne, unbedingt und sofort etwas zu trinken haben möchte. Den Rucksack mit der Flasche hat natürlich meine Frau. Er scheint zu ahnen, dass das mit dem Trinken kurzfristig nichts wird und bekommt kleine rote Flecken im Gesicht. Ein untrügerisches Zeichen, dass er binnen Sekundenfrist neben Carola auf dem Boden landen wird. Die ältere Dame fragt, was denn das Kind habe. „Eine verdammt kurze Lebenserwartung, wenn sie nicht sofort damit aufhört!“. Die ältere Dame bekommt die gleichen hektischen Flecken wie Christopher, der sich erstaunlicher Weise gefangen hat. Aus der zweiten Reihe höre ich etwas leiser ein „Ach, wenn Väter schon mal einkaufen gehen!“. Ich suche gerade nach einer Waffe für die Leisesprecherin, als mich sanft der Grund für Christophers wundersame Beruhigung um die Nase kitzelt. Natürlich. Und der Wickelraum ist am anderen Ende des Stockwerkes. Die ältere Dame geht leicht nach Luft ringend weiter. Währenddessen taucht meine Frau fast aus dem Nichts wieder auf und fragt „War was? Du siehst etwas mitgenommen aus!“. Irgendwie reagiert sie auf meine Frage, ob ihr denn noch ganz wohl sei, mich hier alleine stehen zu lassen für meine Begriffe etwas zu gereizt. Nachdem sie ihre unsachliche Antwort auf meine ernste Frage losgeworden ist, schaut sie sich suchend um und fragt mich, wo denn Carola sei. Ich deute lässig auf den etwas ausgebeulten Vorleger neben dem Krabbeltisch und meine Frau fragt, warum ich Carola das erlaubt habe. Kurze Pause. Innerlich denke ich mich mal wieder darüber nach, warum es in schwedischen Möbelhäusern noch keine niedergelassenen Scheidungsanwälte gibt, behalte meine Gedanken aber lieber für mich. Stattdessen antworte ich mit einer Gegenfrage. „Weißt Du, wo hier die Wickelräume sind?“. Christopher steht immer noch da flüstert leise „Kaka!“. Meine Frau weiß es und ich folge ihr samt Kinderwagen und den anderen Kindern durch die ganze Halle. Als wir den Wickelraum gefunden haben, erwartet uns die nächste Überraschung. Sind schwedische Frauen eigentlich typischer Weise größer als Deutsche? Wie kann man sonst erklären, dass meine 1,60m große Frau kaum über die Wickelkommode schauen kann? Windelwechsel auf Augen- und Nasenhöhe ist auch für sie eine ganz neue Erfahrung. Aber sie steht das eisern durch. Wir müssen ja noch schnell in die tolle SB Möbelhalle und ein paar Kleinigkeiten auf den Kinderwagen laden. Ich frage mich ernsthaft, was wir machen würden, wenn der Kinderwagen kleiner wäre und nicht Platz für drei Kinder böte. Noch während ich das denke gibt es ein bedenkliches Geräusch vorne links und ich verbringe die nächsten zehn Minuten damit, das Vorderrad vom Kinderwagen notdürftig zu reparieren. Tolle Qualität! Hällt nicht mal zwei Badezimmerschränke aus.

Endlich an der Kasse. Wird auch Zeit. Der Keksvorrat geht arg zur Neige und die Kinder schauen schon ganz nervös auf die fast leere Packung. Zehn Minuten später: Jetzt kommt wieder Stimmung auf. Nur noch zehn Leute vor uns und keine Kekse mehr. Die Dame die gerade an unserer Kasse bezahlen möchte, hat ihre EC-Geheimzahl vergessen und ist gerade beim dritten Versuch angekommen. Sie hat verdammtes Glück, dass der Kerl vor mir siebzehn laufende Meter Ivar kaufen will und ich nicht zu ihr durchkomme. Ich überlege, ob ich Chancen habe, sie von hier aus mit der praktischen Umhängetüte zu treffen, aber meine Frau schaut schon wieder so, dass ich mich dagegen entschließe. Die Dame schafft es schließlich dann doch die 11 Euro in bar zu bezahlen und ich greife nach der praktischen Umhängetüte. In diesem Moment fällt der Ivar Turm vor mir zusammen und erschlägt fast Christopher. Ich hole mit der zum Kauf anvisierten Pfanne „Brätlös“ (36cm – Gusseisen) weit aus und meine Frau bewahrt mich vor der Besserungsanstalt, indem sie mir in den Arm greift.

Weitere 15 Minuten später: Ohne größere Zwischenfälle erreichen wir die Kasse und laden all die tolle Dinge auf das Förderband. Martin will auch rauf. Ich lasse ihn – bin ja ein lieber Papa. Meine Frau nimmt ihn wieder runter – ist ja eine liebe Mama. Endlich dürfen wir bezahlen. Ich zucke bei 980 Euro fast unmerklich und lautlos zusammen. Wir haben doch nur — egal. Die Kekse sind schließlich alle und wir wollen nach Hause.

Als wir endlose Augenblicke später beim Auto ankommen liegt der Außenspiegel daneben. Egal. Wir haben noch Kekse im Auto. Die Kinder in die Sitze, Kekse verteilt und dann den Kram in den Kofferraum. Den Außenspiegel auch. Endlich losfahren. Anhalten. Den Kinderwagen auch ins Auto laden. Wir sind noch nicht mal aus dem Parkhaus raus und die Kinder sind eingeschlafen. Meine Frau schaut in den Rückspiegel und sagt, „Ach, war doch ein netter Einkauf heute!“. Der hinter uns hat sicherlich noch kurz gedacht, warum macht der Trottel jetzt einfach eine Vollbremsung…

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Berlin – Alexanderplatz.

Die U-Bahn fährt ein. „Mist! Schon wieder [...] Continue Reading…

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Montagmorgen im Berliner Untergrund. Ein Weltkriegsveteran und gefühlte 200 Erstklässler in der U8. [...] Continue Reading…

hier sollte ein Foto sein.

Eine taschentüchrige Momentaufnahme aus dem winterlichen Berliner Nahverkehr.
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